"Selbstbestimmte Bilder"

Selbstbestimmte Bilder (Interview Vina Yun und Sylvia Köchl Fotos Kramar)

Belinda Kazeem, Mitarbeiterin bei der Schwarzen Frauen Community (SFC), und Sibel Öksüz, Initiatorin des neu gegründeten Vereins KULTimPORT im Gespräch über Wege, die Opferrolle als MigrantIn zu überwinden und gesellschaftliche Vermischung auf Selbstbestimmung aufzubauen.Mit welchem Begriff von „Kultur“ arbeitet ihr und warum ist es für euch interessant, euch insbesondere im Kulturbereich zu engagieren?

Öksüz: Kultur in Österreich zu definieren, ist schwierig, gerade in diesem Jahr bedeutet österreichische Kultur die Bewahrung von Hochkultur – Mozart & Co. Das kann ich schon nicht mehr hören. Wir wollen von dieser Opferrolle der MigrantInnen weggehen und davon abkommen, dass sich sehr viele auch abkapseln und nur in der eigenen Community bleiben – das gilt aber auch für Einheimische. Uns ist es wichtig zu zeigen, dass es selbstverständlich ist, dass sich in einem Land wie Österreich die Kulturen oder Nationen vermischen. Unser Name ist ein Wortspiel: KULT-im-PORT, wie der Hafen – wir sehen uns als einen Hafen, wo die Kulturen und Projekte andocken.

Kazeem: Mein Begriff von Kultur ist ein ziemlich breiter, für mich sind das alle Formen des Ausdrucks. Es gab ein Projekt von SFC mit Klub Zwei, wo in und entlang der Straßenbahnlinie D großformatige Plakate mit politischen Forderungen hätten angebracht werden sollen, aber das war den Verantwortlichen dann doch zu politisch. Die Plakate wurden nur entlang der D-Linie angebracht. Ein anderes Projekt, in das SFC involviert ist, ist die Schwarze Recherchegruppe, die sich für das Projekt „Remapping Mozart – Verborgene Geschichten“ gegründet hat und bei der es darum geht, schwarz-österreichische Geschichte zu schreiben und uns selbst zu Expertinnen zu machen. Wir wollen unsere Geschichten erzählen und damit auch unsere Bilder präsentieren – eben nicht fremd-, sondern selbstbestimmt, weg vom Exotismus und der Stellvertreterpolitik. Darin liegt für mich auch das Interessante an Kulturproduktion. Sich selbst zu präsentieren, seinen Standpunkt zu zeigen, ist gerade jetzt in der Zeit vor dem Wahlkampf, in der wir als Gruppe der „MigrantInnen“ instrumentalisiert werden, besonders wichtig.Welche Vorteile bietet diese Strategie, politische Forderungen über Kunst- und Kulturprojekte zu transportieren?

Kazeem: Es ist eine Sache, eine Demo oder eine Pressekonferenz oder eine Podiumsdiskussion zu organisieren, wo ich immer wieder einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft erreiche, meistens die, die’s eh schon interessiert – so gut und absolut notwendig das auch ist, aber ich glaube, dass man durch Plakataktionen, wie z.B. die Zusammenarbeit der SFC mit Klub Zwei „Arbeiten gegen Rassismen“, wiederum ein anderes Publikum erreicht. Mir gefällt die Vorstellung, dass jemand, der Vorbehalte gegen MigrantInnen als Gruppe und gegen Einwanderung hat, für ein paar Minuten bei einer Straßenbahnhaltestelle steht und ein Plakat anschauen muss mit expliziten politischen Forderungen von Schwarzen Frauen. Es ist eine Möglichkeit, andere Leute zu erreichen, mit anderen Mitteln, dieses Belehrende, Erklärende funktioniert auch nicht immer. Ich glaube, man kann sich da gegenseitig gut ergänzen.Sind jetzt kurz vor dem Wahlkampf die Chancen, Geld für eure Projekte zu bekommen, größer?

Öksüz: Es ist leider eine Tatsache, dass PolitikerInnen vor Wahlen ein besseres Gehör haben. Da gibt’s dann halt auch Sondermittel. Das wissen sehr viele Institutionen und setzen bewusst stärkere Signale.

Kazeem: Auch wenn mein Fokus nicht ganz derselbe ist, gebe ich dir da Recht. Für mich ist es absolut wichtig, die Gegenstimmen zu hören. In den Nachrichten wird einem HC Strache oder Westenthaler eine Plattform geboten, um ihre hetzerischen Sprüche loszulassen, aber du siehst die Leute nicht, die dagegen arbeiten, die Betroffenen, über die gesprochen wird. Deshalb ist es für mich gerade in dieser Zeit besonders wichtig, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich wundere mich auch, wie man das selbe Rezept immer wieder anwenden kann und es dennoch funktioniert: Finde einen Buhmann – jetzt sind’s Moslems, vor ein paar Jahren waren es Afrikaner. Das finde ich auch ganz interessant, dass anscheinend jeder für jeden einsetzbar ist.Der Kulturbereich gilt ja als „Frauenbereich“, etwa hinsichtlich der dort herrschenden Arbeitsverhältnisse. Wie sehen da eure eigenen Erfahrungen aus?

Öksüz: Es stimmt, es sind vor allem Frauen im Kultursektor tätig, und es sind Frauen, die sich bemühen und arbeiten und schlecht bezahlt werden. Deshalb wird einer unserer Schwerpunkte ab Herbst sein, Frauen im Kunst- und Kultursektor zu unterstützen, vor allem Frauen mit Kindern. Das ist ein kleiner Rahmen, aber ein generelles Problem in der Kulturlandschaft.Kazeem: Als unser Verein gegründet wurde, gab und gibt es immer noch Herrschaften, die über den Namen und Sinn dieses Vereins pikiert sind. Die denken, wozu brauchen wir extra einen Verein für Schwarze Frauen, es gibt ja eine Schwarze Community. Ich glaube einfach, dass man als migrantische Frau, speziell als Schwarze Frau, eine andere Ausgangssituation hat, weil es eben nicht nur Rassismus, sondern auch Sexismus gibt. Ich glaube, dass man hierfür spezifische Werkzeuge und Herangehensweisen fördern muss, und das innerhalb der verschiedenen Communities auch von den Männern einfordern und erwarten kann.

Es kann nicht sein, dass der Emanzipationsprozess auf Frauen beschränkt ist.Ich lasse auch nicht zu, dass alles in einen Topf geworfen wird – „wir Migrantinnen“, „wir Frauen“. Die Realität einer Schwarzen Frau ist eine andere als die einer weißen Frau, eine andere Form der Unterdrückung. Ich sehe auch den Stellvertreteraspekt, dass weiße Feministinnen gerne für migrantische Frauen sprechen, als Problem. Und wenn man nicht einverstanden ist mit den Grundlagen des westlichen Feminismus, hört man oft „naja, ein bisschen rückständig“, „nicht genug aufgeklärt“, „die lassen sich halt unterdrücken“.

Öksüz: Ich habe manchmal das Gefühl, dass weiße Feministinnen durch Migrantinnen wieder etwas haben, das sie verwenden können, um sich zu positionieren und sich in den Vordergrund zu stellen. Damit hab ich auch ein großes Problem. Ich sage, wir sind stark genug, wir haben selbst eine laute Stimme. Das heißt nicht, dass wir mit der Mehrheitsgesellschaft nichts zu tun haben wollen, es soll eine Vermischung stattfinden, aber nicht im Sinn von „diese armen Migrantinnen“. Wir wollen mit dem Selbstverständnis auftreten, dass wir gleichgestellt sind.

Sibel Öksüz ist Initiatorin und organisatorische Leiterin des Vereins KULTimPORT www.kultimport.com, office@kultimport.com

Belinda Kazeem ist Projektmitarbeiterin beim Verein Schwarze Frauen Community (SFC) www.schwarzefrauen.net, office@schwarzefrauen.net

EMSF ist ein Modul des Vereins SFC im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft "work in process" - migrantische - Selbstorganisationen und Arbeit", die finanzverantwortlich von der IG Kultur Österreich und von MAIZ - Autonomes Integrationszentrum von & für Migrantinnen inhaltlich koordiniert und von BMWA und ESF im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative EQUAL gefördert wird.