An.schläge zur 1. Bundestagung des SFC in Österreich

„Wir haben viel zu sagen" 1. Bundestagung der Schwarzen Frauen in Österreich (An.schläge am 18.-19. September 2004)

Am 18. und 19. September fand die erste Bundes- tagung Schwarzer Frauen unterschiedlicher Herkunft in Wien statt. Mit dabei waren Jennifer Imhoff und Karel Young

1994 fielen die ersten Regentropfen. Ishraga Mustafa Hamid und Beatrice Achaleke, zwei motivierte Stipendiatinnen des Afro-Aslatlschen Instituts (AA1) fanden sich zusammen und begannen gemeinsam zu träumen. Sie träumten von einem Forum für schwarze Frauen, von einer offenen Austausch- und Diskussionsplattform für jene Menschen, die in der Diaspora lebten und die endlich reden und gehört werden wollten.

Schnell verlegte man die Räumlichkeiten - anfangs noch das Cafe des AAI - Ins WUK; die in Wien lebende Afro-Deutsche Leonore Lech (damals bereits Mitglied des Vereins ADEFRA- Schwarze Frauen in Deutschland) und Femi Babajide, eine engagierte schwarze Schwester, ergänzten das Kollektiv. Die Werdung schritt voran. Während der ADEFRA Verein schon die ersten Kreise in Deutschland zog, war man in Österreich noch nicht so weit. Ideen mussten koordiniert und umgesetzt, Perspektiven erst ausgelotet werden.

Der Fall Omofuma und der tragische Tod des Bruders Seibane am 15.07.2003 verdeutlichte den Frauen, dass es an der Zeit war an die Öffent lichkeit zu gehen. Nun wurden die Nächte zum Tag gemacht, Demos und Mahnwachen wurden mitorganisiert, politische Reden mussten geschrieben und gehalten werden. Die Schwarze Frauen Community (SFC) erwachte. Es war an der Zeit, sich zu präsentieren. Der Fall Seibane wurde zum Anlass genommen, die eigene Identität und Präsenz weiter zu politisieren. Wenn eine schwarze Frau oder "woman of colour" sich öffentlich dazu bekennt, „Schwarz" zu sein, dann ist sie politisch", war sich Leonore Lech sicher. Im Oktober 2003 war es dann soweit: Hamid und Achaleke meldeten den Verein offiziell an - die SFC war geboren.

Die Tagung. Ein Hotel des Renner Instituts im 12. Wiener Gemeindebezirk, das mit der kostenlosen zur Verfügung Stellung der Infrastruktur die Veranstalterinnen erheblich unterstützte, fungiert als Tagungsort der SFC.

Beim Frühstücksbuffet tummeln sich rund dreißig, gänzlich unterschiedliche schwarze Frauen. Kinder rennen umher, Babys weinen und laute Gespräche erfüllen den Raum. Zwischen Kipferl und Kaffee werden die Impressionen des vergangenen Tages geschildert, politische Lektüre und Familienfotos ausgetauscht. Das Personal wirkt gestresst,dle übrigen Hotelgäste staunen, lauschen und schauen. Auch wir befinden uns inmitten der gesprächigen Runde, sehen uns Fotos an und hören angeregt zu. Wir sind beeindruckt. Beeindruckt von dem Wissen und der Kraft, die von den Frauen ausgehen, beeindruckt von der Präsenz der Gruppe, die den Raum erfüllt und beeindruckt von den Müttern, die ihre Kinder mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit mit einbeziehen und den Gleichgesinnten stolz präsentieren. Die gelöste, familiäre Atmosphäre wirkt stimulierend, wir kommen nicht umhin, uns einzubringen und werden freundlich aufgenommen.

Vorurteile dekonstruieren. Es beginnen die Arbeitsgruppen, die auf Identität, Rassismus, Sexismus und Gesundheit fo-kussiert sind. Sie haben das Ziel, Strategien und Lösungen zu finden, um schwarzen Frauen ein Gefühl von Stärke und Community zu geben.

Die Arbeitsgruppe "Identität und Self-Empowerment", geleitet von Abisara Machold, versucht den dynamischen Prozess von schwarzer Identität zu erforschen. Schnell wird klar: "Gebt uns ein Mikrofon, denn wir haben viel zu sagen!" Viele Fragen kommen auf: Was heißt es „Schwarz" zu sein? Wie sehen wir uns selbst, und wie werden wir von anderen gesehen? Wo stehen wir in der Gesellschaft? Wie können wir unsere Situation verbessern? Anhand einer Themenvielfalt, die von Kolonisationsgeschichte bis hin zu frauenfeindlicher Hiphop-Musik reicht, diskutieren und analysieren die Frauen die Wurzeln von Begriffen wie „Image" und „Diaspora". Vor allem geht es darum, die bisher praktizierten Strategien gegen Rassismus und Sexismus zu dekonstruieren, neue zu finden oder die alten zu erweitern. „Wir können nicht mehr zulassen, dass andere die Kontrolle darüber haben, wie wir uns repräsentieren. Die 'Gewinner' schreiben die Geschichte," erklärt Abisara, und es liegt an uns, unsere Kultur und unser Geschichte zu dokumentieren ohne die bisherigen negativen Eindrücke, die damit verknüpft sind". Wir verkörpern längst nicht mehr nur die „leidende Marktfrau mit dem Wassereimer auf dem Kopf"; es ist an der Zeit, Bilder zu verbreiten, die schwarze Frauen besser repräsentieren, und die gibt's! Es liegt nicht in der Natur schwarzer Frauen, zu leiden. Schwarze Frauen sind auch Ärztinnen, Anwältinnen usw. und tun weit mehr als nur„Wasser und Kinder hin und her schleppen"!

Gewalt überleben. Auch in einer von Ishraga Mustafa Hamid und Esther Maria Kuermayer geleiteten Arbeitsgruppe werden schmerzhafte Rassismus-Erfahrungen ausgetauscht. Die Teilnehmerinnen werden gebeten, ihre Alltagsgeschichten zu schildern und persönliche Strategien im Umgang mit Diskriminierung, Sexismus und Rassismus zu erörten. Für die meisten schwarzen Frauen sind Rassismus und Sexismus untrennbare Begriffe: Rassismus und Sexismus sind Formen von Gewalt. Viele schwarze Frauen sehen sich daher auch als „Gewalt-Überlebende". Spätestens der Freitod von May Ayim, einer ghanaisch-deutschen Schriftstellerin und Aktivistin, beweist, dass dies keine Floskel ist. Dieser Workshop befasst sich auch mit Gefühlen, die unmittelbar nach einer diskriminierenden Situation hervorgerufen werden.

Welche Emotionen müssen wir verarbeiten und welche Auswirkungen haben sie auf unsere geistige, physische und psychische Gesundheit? Viele Teilnehmerinnen berichten, dass ihnen eine rassistische Bemerkung oft den ganzen Tage „versauen" kann und die Seele auf eine Art und Weise bedrückt, die auch physisch und psychisch zu spüren ist, etwa als Kopfweh, Erbrechen oder Angstzustände. Schwarze Frauen in Österreich und in anderen europäischen Ländern erleben oftmals die gleiche Art von Diskriminierung. Das heißt, dass Frauen verschiedener Herkunft, Nationalitäten und Altersgruppen ob afro-österreichisch, nigerianisch, brasilianisch oder jamaikanisch - Stärke in der Gewissheit finden, dass ihre Erfahrungen verbinden. In der Gruppe werden auch wichtige Strategien zum positiven Umgang mit diesen schmerzlichen Erfahrungen erarbeitet.

Veada Stoff behandelt in ihrem Workshop dasThema „Schwarze Frauen und Gesundheit". Besonders in europäischen Gesellschaften fühlen sich schwarze Migrantinnen allein gelassen von Ärztinnen, die mit Migrantinnen (sprich „Ausländern") nicht „umzugehen" wissen oder wegen sprachlicher Barrieren, die die informative Kommunikation schwierig gestalten. Es lastet daher auf den Frauen der Druck, sich zu informieren, wo sie Hilfe oder medizinischen Rat bekommen können. Besonders gilt es, die Kommunikation zu anderen schwarzen Frauen aufzubauen, um das Gefühl von Isolation zu lindern. Um die Ausgrenzung im Gesundheitsbereich zu verhindern sind folgende Strategien hilfreich: „Deine Rechte kennen. Deinen Körper kennen. Mögliche vererbbare Krankheiten kennen". Dass es wichtig ist, die nationale Sprache zu erlernen, wird immer wieder betont. So sei es wesentlich einfacher, Diskriminierung von Ärztinnen und Gesundheitspersonal zu erkennen und sie damit zu konfrontieren.

Self-Empowerment. Nach abschließender Ergebnispräsentation der verschiedenen Arbeitsgruppen war allen Teilnehmerinnen klar:„Networking and Self-Empowerment", das Motto der Veranstaltung, kann als eine Strategie gesehen werden, um mit den gesellschaftlichen und sozialen Problemen, die sich für schwarze Frauen in Österreich ergeben, leichter umgehen zu können bzw. diese Lebensbedingungen zu verändern. Gemeinsam sind wirs stark!

Die Freude, andere Frauen kennen zu lernen, die uns auf eine Art und Weise verstehen können, war eine besonders heilende Erfahrung und wurde nur davon übertroffen, dass wir begriffen: obwohl wir schmerzhafte Erfahrungen gemacht und unangenehme Themen diskutiert haben, waren wir alle durch unsere neue Solidarität gestärkt.